Krieg und Heimat
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Inhaltlich-methodische Ziele
Ausgehend
Ausgehend von den im Abschnitt Zur Person angesprochenen Grundsätzen verfolge ich auf der Basis der methodischen Standards der modernen Geschichtswissenschaft im wesentlichen vier Ziele: 1. Würdigung bzw. Berücksichtigung der zentralen menschlichen     Lebensräume auf allen relevanten Ebenen 2. Ausgedehnte Nutzung von Vergleich und Transferanalyse für     die Forschung 3. Einbettung der Militärgeschichte in die ganze Breite     menschlicher Verhältnisse und menschlichen, hier     insbesondere in Bezug auf die „Anderen” 4. Von diesen Perspektiven aus die Erforschung vierer     Sachgebiete
1. Würdigung bzw. Berücksichtigung der zentralen menschlichen Lebensräume auf allen relevanten Ebenen: a. Lokale Ebene b. Regionale Ebene c. Nationale Ebene d. Kontinentale Ebene e. Globale Ebene. Es dürfte klar sein, dass eine ausgedehnte Forschungstätigkeit auf allen fünf Ebenen nicht in gleichem Maße und in gleicher Intensität betrieben werden. Angestrebt werden soll aber die innovative Abwägung der verschiedenen Ebenen gegeneinander. Wie aus meiner Publikationsliste hervorgeht, habe ich meine ersten Schritte auf der lokalen Ebene gemacht und habe im Rahmen meines Studiums diese auch unter Einbeziehung der regionalen Ebene erweitert. Die nationale bzw. europäische Ebene wurde intensiv bei meinen ersten Hauptpublikationen (Dissertation zum Luftschutz in Großbritannien und Deutschland sowie Luftwaffenband) reflektiert, dies teils auch unter ausgedehnter Nutzung des Vergleichs als historiografische Methode (siehe dazu Punkt 2.). Die globale Ebene wird mich in Zukunft sehr stark beschäftigen, ohne die anderen 'levels' aus dem Blick zu verlieren. Hierbei widme ich mich vor allem vier Themenkreisen, die eine Mischung zwischen globaler Perspektive. meiner Herkunft (Deutschland, Europa) und der wichtigsten Schnittstelle (an Europa angrenzende Regionen vor allem im Orient, dem auf dieser website ein neues Kapitel gewidmet wird) darstellen. Hier ist auch mein soeben abgeschlossenes und nunmehr publiziertes Projekt (Geschichte der "Allied Mobile Force" als multinationaler Einsatzverband) zu verorten. Es wird aus meiner Sicht für alle Historiker, insbesondere auch die Militärhistoriker, in Zukunft zwingend nötig sein, einen sinnvollen Mix der hier angesprochenen Ebenen und Regionen zur Anwendung zu bringen, wenn die Zunft weiterhin substantielle Beiträge liefern will. Man kann über Sinn und Zweck, über Dauerhaftigkeit und 'Einzigartigkeit' der aktuellen Globalisierung wohl vortrefflich und ausdauernd streiten. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich die globale Frage stellt. Auch die Militärgeschichte muss hier noch viel weiter öffnen, als sie dies bislang getan hat. Mit ausschließlich lokalen oder regionalen oder nationalen Studien wird man den Aufgaben der Zukunft nicht mehr gerecht werden können. Alle Geisteswissenschaften müssen ihr Spektrum hier erweitern. Das heißt nicht, dass keine Einzelstudien zu lokalen etc. Themen mehr unternommen werden sollen. Man darf hier aber nicht stehenbleiben, wenn man wesentliche und entscheidende Entwicklungen verpassen will. Historiker werden vor allem dafür bezahlt, dass sie erforschen, was wichtig ist und das wird nicht in Hinterzimmern ausgeklüngelt, sondern in der Gesellschaft und den Streitkräften vorgelebt und von ihr auch abgefordert. Die Beschäftigung mit dem Samland als dem weiterem Teil dieser homepage ordnet sich hier ein, wenn die Querbezüge auch nicht zu stark betont werden sollen. Bei allem Eingebundensein in die teils schrecklichen Ereignisse im Zeitalter der Weltkriege und dem Schicksal dieser Region kann auch das Samland und Ostpreussen im globalen Zusammenhang verstanden werden, dies ohne die individuellen historischen Züge zu verwischen. Das Samland war jahrhundertelang ein Einwanderungsland, in dem verschiedene Völkerschaften aufeinandertrafen und zusammenlebten. Dazu gehören auch die Pruzzen, gewissermaßen die indigene Bevölkerung vor Beginn der deutschen Siedlung, die ein früher Wissenschaftler einmal mit den Indianern in Nordamerika verglich, dies vor dem Hintergrund, dass das Samland, wie er annahm, ein "Kolonialland" sei. (Anm. 1). 2. Ausgedehnte Nutzung von Vergleich und Transferanalyse für die Forschung An dieser Stelle kann keine Diskussion der inzwischen recht weit fortgeschrittenen methodischen und methodologischen Entwicklung von Vergleich und Transfer als Instrumente der Geschichtswissenschaft geboten werden. Das Gleiche gilt für die inzwischen recht umfangreiche Literatur zur Methodik. Siehe dazu die beiden Literaturberichte (HSozKult, in Bearbeitung (2015): Imperialgeschichte, „Totaler Krieg“ und Genozid: Militärgeschichtliche Perspektiven zum Thema Kolonialkriege im Vergleich <link folgt, sobald möglich> und den Literaturbericht von 2007/2013: Deutsche und Britische Kolonialkriegführung 1871 – 1967 im Vergleich) - download als pdf). Angemerkt sei an dieser Stelle, dass gerade im Bereich der Geschichtswissenschaft im nationalen Forschungsfokus viele primäre Quellen bereits ausgeschöpft wurden. Ohne methodische Neuerungen kommt man nicht weiter. Auch die in den letzten Jahrzehnten im Aufschwung begriffene Einbeziehung der Kultur- und Mentalitätsgeschichte stößt an Grenzen. In manchen Bereichen (z.B. Erforschung der britischen Kriegsgesellschaft 1940 - 45) müssen Historiker bereits zugeben, dass ein weiteres Eindringen in die Mentalitäten und Seelen mangels seriöser Quellen nicht möglich ist. Der Historiker muss sich letztlich damit abfinden, dass er ein Gebiet -die Vergangenheit- erforscht, dass er selbst nicht mehr betreten kann (zumindest solange, wie es keine Zeitmaschinen gibt) und sich daher mit vergleichsweise bruchstückhaften Beweisen zufriedengeben muss. Er kann keine Meinungsumfrage der Zivilbevölkerung von 1943 mehr durchführen oder Zeitgenossen auf die psychologische Couch legen. Sicher gibt es noch zahlreiche Quellengattungen, die erforscht werden können (Bilder, Filme etc.). Es ist aber zweifelhaft, ob ab einem bestimmten Punkt tatsächlich neue Erkenntnisse geliefert werden können. Etwas salopp ausgedrückt: die methodische Erschöpfung tritt lange vor dem Zeitpunkt ein, an dem der letzte Feldpostbrief aus dem Zweiten Weltkrieg gelesen ist. Schließlich noch ein Wort zu den Kritikern des Vergleiches: wie ich niemals müde werde zu betonen, geht es beim Vergleich nicht darum, irgendwelche allgemeinen Aussagen oder Stereotypen zu bestätigen oder zu widerlegen. Der Vergleich ist -teils kontrafaktisches- Mittel, um über Grenzen hinweg zu neuen Erkenntnisse zu gelangen. Daher bedeutet auch, wie immer noch offenbar vielfach angenommen, "vergleichen" keineswegs isoliertes "gleichsetzen" und auch nicht "unterschieden". Der Vergleich ist immer ein 'sowohl-als-auch': adäquate Ergebnisse ergeben sich immer aus "Gemeinsamkeiten" und "Unterschieden" zugleich. Beides gehört dazu. Schließlich noch ein Wort zur Äpfel-Birnen-Metapher. Ja, liebe Leute: man kann Äpfel und Birnen vergleichen, da beide Kernfrüchte sind, auf Bäumen hängen, einen Stiel haben, zu Saft verarbeitet werden können etc.pp. Die Aufgabe der Komparatistik aber wird es sein, den jeweiligen Fruchtsäuregehalt, die Konsistenz u.a.m. in Beziehung zu setzen. 3. Einbettung der Militärgeschichte in die ganze Breite menschlicher Verhältnisse und menschlichen, hier insbesondere in Bezug auf die „Anderen“ Auch hier trifft sich diese homepage in ihrer ganzen Breite mit der von mir beabsichtigten globalen Perspektive. Fast überall, wo Militär auftrat, war auch das Leben und die Kultur der Bevölkerung und der Gesellschaft als Ganzes tangiert. Es gilt, die Kultur der "Anderen", von denen es wahrlich und reichhaltig Viele gibt, zu verstehen. Dazu gehört der Flüchtling, der aus dem Osten Deutschlands kam genauso, wie displaced persons in Kolonialkriegen. Wohlgemerkt, man darf hier nicht zu schnell Vergleiche ziehen, weil ansonsten nur grobrastrige Allgemeinheiten zu Tage gefördert werden. Zu einem grundlegenden und Einordnung der deutschen Geschichte in die Weltgeschichte muss eine übergeordnete Perspektive eingenommen werden. In Deutschland beschäftigt man sich indes immer noch viel zu sehr mit der eigenen Vergangenheit und den entsprechenden Befindlichkeiten, dies inzwischen in teils leerer Wiederholung und klischeehaften Kulturproduktion (inkl. history infotainment), hier insbesondere die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die Geschichte des langen Wiederaufbaus (Wunder-von-Bern-Syndrom). Letzteres hat unter anderem die Tragödie des deutschen Vertriebenen und der Bombenkriegsopfer, das hierzulande in den neunziger Jahren und nach 2000 teils prägend wirkte, etwas verdrängt. Dies, ergänzt durch die Opferdebatte (W.G. Sebald), hat in Verbindung mit dem Jahr 1945 vielleicht immer noch etwas rückwirkend Teleologisches. Nur langsam und unter dem Druck der hunderttausenden von Flüchtlinge aus dem Orient beginnt man in Deutschland (hoffentlich) zu begreifen, dass der Nachkriegskonsens der BRD veraltet ist. Nur wirtschaftliche Leistungsfähigkeit im Produktionsparadies, regionales Heimatbewusstsein und Verfassungspatriotismus reichen inzwischen nicht mehr aus. Das Gleiche gilt für die Geschichte des Kalten Krieges, die indes nach wie noch großes Forschungspotenzial beinhaltet. Es mag verständlich sein, dass man hierzulande gerne auf die Erfolgsgeschichte der letzten 50 Jahre rekurriert (immerhin hat der Westen den Kalten Krieg vorderhand ja gewonnen) und sich auf den eigenen ‚Leistungen‘ ausruht. Damit ist es aber keineswegs getan. Ferner muss die alte kontinentale, nach Osten gerichtete Perspektive kritisch im Blick behalten werden. Unternehmen Barbarossa und Entspannungspolitik gehören zweifellos zu den wichtigen Themen. Inzwischen aber hat die Welt gerade für Deutschland, Europa und die NATO neue Brennpunkte und Krisenherde bereitgestellt. Momentan geht es um zwei Perspektiven: - Osteuropa - Orient Beides muss gerade auch in der Militärgeschichte erforscht werden. Für diejenigen, die in ‚guter‘ alter Tradition landkriegsorientiert ausschließlich nach Osten blicken: mit Herrn Putin kann ich zwar verhandeln, aber niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass Russland heute sich so vergleichsweise kooperativ verhält, wie die kommunistischen Reformstaaten in Mittelost- und Osteuropa bis/ab 1990. Mit dem IS kann ohne nicht reden, sondern kann ihn nur bekämpfen. Insgesamt besteht gerade für Deutschland nach wie vor die Gefahr des fortgesetzten Einkapselns und der langfristigen Stärkung verfestigter biedermeierlicher Grundhaltungen, die nicht gut sind. Ich denke dabei nicht an die ungeheuerlichen Aktionen der Rechtsradikalen und Wohnheimbrandstifter, die von Illiberalismus und Provinzialismus aber profitieren. Wir müssen nach wie vor lernen und stärker zu begreifen, dass Millionen und Abermillionen Menschen auf dieser Welt von der Grausamkeit her genau das Gleiche, vielleicht sogar noch Schlimmeres als die Millionen deutscher Flüchtlinge seit 1944 erlebt haben. Damit meine ich keineswegs eine preiswerte Gleichsetzung von Holocaust und Vertreibung, eine moralische Schuldabwälzung irgendwelcher Art oder gar die Verwischung der individuellen Züge der Gräuel im Zeitalter der Weltkriege (nichts läge mir ferner), sondern die Erkenntnis, dass Deutsche als Menschen physisch und psychisch teils auf ähnliche Weise behandelt wurden wie Kambodschaner, Vietnamesen, Araber oder Kurden. Sicher waren die Rahmenbedingungen anders. Differenzierte Forschung darf keine 'billigen Parallelen' ziehen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren will. Dennoch dürfen mentale und geistige Grenzen weder zementiert noch tabuisiert werden. Möglicherweise sind gerade Flüchtlinge und deren Nachkommen neben Anderen vielleicht hierzu gut geeignet, dies jedoch nicht im Sinne allzu durchsichtiger politischer oder gar materieller Interessen, sondern im Sinne einer Öffnung der "hearts and minds" für die globale Perspektive. 4. Von diesen Perspektiven aus strebe ich die Erforschung folgender Sachgebiete an: a. Zivilbevölkerung und militärische Gewalt (Luft- und Zivilschutz) b. Bündnisgeschichte der NATO unter besonderer Berücksichtigung der Flanken und angrenzenden Regionen c. . Geschichte der Kolonialkriege und kolonialen bzw. kolonialähnlichen Ausgreifens, dies insbesondere im Rahmen der deutschen und der britischen Geschichte. d. Deutschland, Großbritannien und der Orient im Vergleich Besonderes Gewicht kommt den letzten beiden Themen zu, da hier die Zukunft liegt. Aber auch Thema b. gehört eigentlich integrativ dazu, überhaupt betrachte ich alle Themen im Zusammenhang, und dies in direkter Verbindung, nicht einfach unter der Prämisse, dass alles irgendwie zusammenhängt. Indes gehören c. und d. stärker zusammen, da sie weiter in die Vergangenheit zurückreichen und vor allem, weil sie beide weit in das Globale reichen. Damit sind allerdings automatisch handfeste methodische Probleme verbunden. Die moderne Geschichtswissenschaft weist eine große Fülle an unterschiedlichen, ja häufig konträren Methoden auf, die keineswegs vereinheitlicht werden können, da sie teils in gegenseitiger Abgrenzung und Kritik entwickelt wurden. Für mich bestand und besteht das besondere Problem, dass meine Themenwahl, die aufgrund unterschiedlicher Faktoren und Zusammenhänge entstand, unterschiedliche Methoden vereint. Ich beabsichtige keineswegs, eine einzige ‚Generalmethode‘ anzuwenden, die gar noch die Konturen und Widersprüche der verschiedenen Ansätze einebnet. Das methologische Ziel ist eine pragmatische methodische Vorgehensweise, die die verschiedenen methodischen Modelle kombiniert, wo dies möglich ist und wo nicht, die entsprechenden Forschungen und Ergebnisse explizit getrennt zu präsentieren. Dies soll keineswegs simpel additiv geschehen. Kritikern, die sich vornehmlich auf eine Methode verlegen, sei gesagt: bei allen Unterschieden muss jeder Wissenschaftler flexibel genug sein, auch mehrere unterschiedliche Wege zu beschreiten, und dennoch den Widersprüchen und Problemen gerecht zu werden. Ganz persönlich finde ich es ohnehin doch teils zu langweilig, nur eine Straße lang zu gehen. Die Geschichtswissenschaft hat so viel zu bieten, warum nicht aus dem Füllhorn schöpfen? (To be clear: ich betrachte mich nicht als Erz- Methodiker. Im Gegenteil). Konkret sind für mich drei methodische Richtungen entscheidend: 1. Die transnationale Komparatistik 2. Die postkoloniale Methodik 3. Die internationale Geschichte Es ist hier nicht möglich, ausführliche methodische Darlegungen zu machen. Dazu wäre eine eigene Studie nötig, die vielleicht auch noch kommt (je nach Entwicklung der nächsten Jahre). Vgl. dazu meine Publikationen, die weiteren Bemerkungen auf dieser  homepage und die Literaturverweise, hier insbesondere meine beiden Literaturberichte (HSozKult, in Bearbeitung (2015): Imperialgeschichte, „Totaler Krieg“ und Genozid: Militärgeschichtliche Perspektiven zum Thema Kolonialkriege im Vergleich <link folgt, sobald möglich> und den Literaturbericht von 2007/2013: Deutsche und Britische Kolonialkriegführung 1871 – 1967 im Vergleich) - download als pdf). In aller Kürze hier indes die zentralen inneren Kernpunkte. Alle drei Methoden haben ihre speziellen Eigenheiten, die beileibe nicht immer deckungsgleich sind. Aber es gibt zentrale Gemeinsamkeiten: alle drei gehen eindeutig über die Perspektive des Nationalstaates hinaus und reichen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, ins Globale. Alle drei verlangen zumindest allgemein und theoretisch die Verbindung aller o.g. fünf Ebenen, dies gilt inzwischen auch für die internationale Geschichte, die die früheren Pfade ‚reiner‘ diplomatiegeschichtlicher Forschung verlassen hat und heute explizit multiperspektivischem Vorgehen unter Einbeziehung etwa auch der innenpolitischen und gesellschaftlichen Situation der Länder und Akteure verpflichtet ist. Alle drei zielen auf multikomplexe, übergreifende Zusammenhänge und gehen damit über verengte, monokausale Erklärungsmuster hinaus. Problematische Unterschiede finden sich im jeweiligen Fokus und in der Perspektive. So lehnt die postkoloniale Geschichtswissenschaft (z.B. Diskursanalyse und Alltagsgeschichte) großangelegte Makroperspektiven oder gar „Meistererzählungen“ mehrheitlich deutlich ab und konzentriert sich auf den Mensch in seiner direkten und komplizierten Leben-‚Wirklichkeit‘. „Postmodernists <…> reject all ‚master narratives‘, arguing that society is infinitely complex and inexplicable.“ (Michael Mann The Sources of Social Power, Bd. 4, Cambridge 2013, S. 8). Die vergleichende Geschichtswissenschaft benötigt indes ein Minimum an Abstraktion und Relativierung, d.h. gleichzeitig eine nicht zu geringe Betrachtungshöhe. Dazu kommt, dass in der Vergangenheit oft (europäische) Nationalstaaten verglichen wurden, eine Perspektive, die inzwischen nicht ohne Kritik geblieben ist. Die internationale Geschichte beschäftigt sich trotz aller inzwischen stattgehabten Öffnung etwa zu gesellschaftlichen Themen nach wie vor sehr stark mit maßgeblichen Instanzen und Personen, also Politikern und ihren formellen und informellen Beratungsstäben, Regierungen, zwischenstaatlichen Organisationen, Bündnissen. Für meine künftige Arbeit bedeutet dies Folgendes. Der wichtigste Fokus gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Probleme (2015), die auch künftig eine entscheidende Rolle spielen werden, muss auf der Beschäftigung mit den ‚Anderen‘ sein. Ich selbst habe, gemäß der Entwicklung der Geschichtswissenschaft in Deutschland, seit Anbeginn sehr stark auf deutsche bzw. europäische oder Bündnisgeschichte rekurriert. Dies hatte und hat nach wie vor Berechtigung. Jedoch müssen sich mehr Historiker als bisher mit den globalen Völkerschaften und ihrer Beziehung zu uns beschäftigen. Viel mehr. Auch wenn es vielleicht etwas dramatisch klingt: egal, ob wir in Deutschland uns auf uns selbst und unsere eigenen Herkunftsregionen konzentrieren wollen: die Welt wird uns nicht in Ruhe lassen bzw. allenfalls als Absatzmarkt dienen. Die Situation an den Außengrenzen der NATO, die immensen Flüchtlingsströme, die Terrorismusgefahr und nicht zuletzt auch die ethische Dimension all dessen zeigt an, wie fahrlässig es wäre, sich weiterhin geistig einzuigeln. Natürlich heisst dies beileibe nicht, jetzt mit Verve ins Globale aufzubrechen oder sich gar leichtsinnig in Kriege hineinziehen zu lassen. Deutschland und Europa braucht Wissen und Analyse, um das weitere Vorgehen verantwortlich gestalten zu können. So stellt sich etwa die Frage der Kosten-Nutzen-Rechnung (dies gewiss nicht nur im pekuniären Sinne). Ist es wirklich rationaler, effizienter und nutzbringender, die Verhältnisse in Afrika und insbesondere dem Orient außerhalb von wirtschaftlichen Erwägungen weitgehend zu ignorieren und sich dann in Deutschland mit dem Flüchtlingsproblem herumzuschlagen oder nun doch etwas zu unternehmen (nicht nur rhetorisch zu fordern), etwa gegen den IS? Der Kern meiner Forschungstätigkeit besteht aus einer Kombination des transnationalen Vergleichs mit postkolonialer Methodik. Ersteres speist sich insbesondere aus komparatistischer Kolonialkriegsforschung auf militärgeschichtlicher Basis mit Bezugnahme auf die Ansätze und Ergebnisse vergleichender Genozidforschung. Die entsprechenden Ansätze, Ergebnisse und meine Schlussfolgerungen daraus sind im 2. Literaturbericht (HSozKult, in Bearbeitung (2015): Imperialgeschichte, „Totaler Krieg“ und Genozid: Militärgeschichtliche Perspektiven zum Thema Kolonialkriege im Vergleich <link folgt, sobald möglich>) niedergelegt. Hier in Kürze nur der Kern. Entscheidend ist, dass auf adäquater, d.h. weitgehend synchroner Basis (tertium comparationis) unter Einbeziehung der Rahmenbedingungen geforscht und verglichen wird, also nicht nur einzelne Kriege oder Phänomene herausgegriffen und dann etwa noch diachron problematisch angewandt werden (angeblich bestimmende Kontinuitäten etwa vom Genozid an den Herero zum Holocaust), sondern die Rolle von Krieg und Militär im breiten Rahmen, wenn auch fokussierend und gewichtend verortet wird, dies sicher nicht ausschließlich unter dem Aspekt des Genozids (dieser ist aber integraler Bestandteil). Verglichen werden können also Kolonialkriege etwa vor oder nach 1914 unter verschiedenen Aspekten (sicher nicht allen) oder indigene Reaktionen auf europäische Militäreinsätze. Möglich sind auch temporale Vergleiche im engen Rahmen, so z.B. Entwicklung des Imperial Policing bzw. Counter-Insurgency seit 1918. Problematisch sind hingegen Vergleiche über Epochengrenzen hinweg (Römisches Reich – Britisches Empire). So instruktiv hier das Aufzeigen primärer Ähnlichkeiten etwa in Überblicksdarstellungen sind, so problematisch sind jedoch die Unvereinbarkeiten, sobald man tiefer gräbt. Allzu groß ist die Gefahr steriler Allgmeinplätze und allgemeiner ‚Lehren‘, die an individuellen Zusammenhängen und Kontingenzen menschlichen Daseins und Handelns vorbeigeht. (ich fühle mich insbesondere den Erkenntnissen und Ansätzen von Donald Bloxham, Helen Fein und teils auch Mark Levene verpflichtet). Hieraus wird insbesondere der Vergleich von Irak und Afghanistan gespeist (Kurden/Kurdistan und Paschtunen/NW-Frontier bzw. Krieg in Afghanistan und im Irak nach 2000). Die vergleichende Methode lässt sich auch auf postkoloniale Themen anwenden, dies allerdings mit entsprechender Vorsicht. Diskursanalyse, Alltagsgeschichte, ‚subaltern studies u.a. haben per se einen anderen Fokus. Nicht spricht indes gegen eine vorsichtige Kombination der Perspektiven, die indes auch schon stattgefunden hat. Krieg und Militär lassen sehr wohl auch etwa diskursanalytisch betrachten und vergleichen. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Erforschung der ‚Anderen‘ in beiden Fällen auf eine Fülle an ähnlichen und vergleichbaren historischen Tiefenelementen zurückgreifen kann, z.B.: - Das Bild von anderen Völkern als Kulturträger, Machtobjekt, Gefahr, etc. - Die Wahrnehmung des Eigenen im Spiegel des Anderen - Kommunikative Strategien und Handlungsweisen im Umgang und im Kontakt mit anderen Völkern - Voraussetzungen, Verhalten und Erfahrungen im direkten Kontakt (Kolonialkrieg) Nachgerade entscheidend ist für mich hierbei, dass sich nicht nur Staaten, Kriege und Systeme vergleichen lassen, sondern auch Erzählungen („Narratives“). In diesem Falle beabsichtige ich, meine traditionelle Perspektive mit neuen Ansätzen zu kombinieren, d.h. das britische Bild vom Orient mit dem deutschen zu vergleichen. Anm. 1 Rudolf Jankowsky, Samland und seine Bevölkerung, Inaugural-Dissertation an der philosophischen Facultät der Albertus-Universität zu Königsberg i.Pr. 1902, S. 56f. Downloadbar als pdf-Datei unter: http://www.schaper.org/ahnen/jankowsky/rudolf/index.htm. Diese sehr interessante, wenn auch zeitlich sehr weit zurückliegende Perspektivenbildung muss auf jeden Fall weiterverfolgt und geprüft werden. Einen sehr innovativen Ansatz zur Einbindung Ostpreussens in die Globalgeschichte bietet Andrew Zimmermann, Ein deutsches Alabama in Afrika: Die Tuskegee-Expedition nach Togo und die transnationalen Ursprünge westafrikanischer Baumwollpflanzer, in: Globalgeschichte, Theorien, Ansätze, Themen, hrsg. von Sebastian Conrad, Andreas Eckert, Ulrike Freitag, Frankfurt/M. 2007.