Krieg und Heimat
(Zur Anfangsseite auf Logo klicken)
Gewalt, Tod und Odyssee
Fluchtbericht von Hans Lemke
Der folgende Bericht wurde dankenswerter Weise von Herbert Laubstein zur Verfügung gestellt. Er ist in einem Brief enthalten, den Hans Lemke (nicht zu verwechseln mit Hans-Georg Lemke; Hans Lemke ist dessen Onkel und somit mein Großonkel; ein Bild von ihm ist hier zu finden), ehemaliger Bürgermeister von Schaaksvitte, aus dem Flüchtlingslager Klövermarken/Dänemark am 11.6.1946 an die Schaaksvitter Lehrerwitwe Frau Elise Vogel geschrieben hat.
"Am 25.1.1945, nachmittags, kam der Räumungsbefehl für Schaaksvitte. Meine Schwester Grete und meine Schwägerin Elise (Frau des Tischlermeisters Paul Lemke) mit den vier Kindern, meine größte Sorge, war schon zuvor mit der abrückenden Sanitätskompanie nach Cranz und weiter nach Garbseiden zu meiner Schwester Elsbeth gefahren. Der Omnibus der Königsberger Kleinbahn stand uns ebenfalls zur Verfügung, mit dem die Frauen mit Kleinkinder bis Cranz befördert werden sollten. Leider hatte der Bus bei Granz eine Panne und blieb dort liegen. Die bespannte militärische Einheit, die bei Bökenkamp einquartiert war, stellte alle entbehrlichen Pferde zur Verfügung, so dass ein großer Teil mit eigenem Fuhrwerk auf die Flucht gehen konnte. Bis zum Abend des 25.1.1945 war Schaaksvitte zum größten Teil geräumt. Ich fuhr am Abend gegen 22.00 Uhr mit der bespannten Einheit von Schaaksvitte in Richtung Rudau ab. Die Straßen waren von Flüchtlingen und Militärkolonnen total verstopft. Durch widrige Umstände verlor ich die Kolonne und somit auch mein Gepäck. Um nach Garbseiden zu gelangen, fuhr ich mit einem Militärlastwagen in Richtung Neukuhren und kam schließlich am 27.1.1945 in Rantau an, wo ich mich erst einmal ausschlafen konnte. Am 28.1.1945 bei meiner Schwester in Garbseiden angekommen, traf ich die gesamte Verwandtschaft. Die Front kam immer näher. Meine Schwägerin Elise wurde hier in Garbseinden von einem Sohn entbunden, der jedoch verstarb. Am Sonntag, den 3.2.1945,setzte plötzlich starker Beschuß ein. Wir haben versucht, im nahegelegenen Wald Unterschlupf zu suchen und wurden schließlich von einander getrennt. Nun stand ich alleine ohne Gepäck, ohne alles, da. Nach immer hatte ich die Hoffnung, die Familie würde sich wieder finden - leider vergebens. Gemeinsam mit dem Flüchtlingsstrom und den zurückflutenden Soldaten, wanderte ich am Seestrand in Richtung Neukuhren entlang. Hier traf ich die Lehrerin Frl. Wegner aus Steinort und die Gerda Sprie, die von Granz ebenfalls in Richtung Neukuhren unterwegs waren und auf eine Verschiffung von Neukuhren aus warteten, was mir unwahrscheinlich schien. Schließlich in Rauschen angekommen, traf ich durch Zufall meine Schwägerin Frieda aus Postnicken. In Rauschen versuchten wir mit noch anderen Fuhrwerken unter Leitung des Gendarmeriebeamten Hinz aus Postnicken nach Pillau zu gelangen. Schließlich kamen wir auf abenteuerliche Reise in Palmnicken an und bezogen zunächst in Sorgenau Quartier, wo ich u.a. wiederum viele Schaaksvitter und Schaakener traf. Hier erfuhr ich von Richard Kuhr, dass ein Teil der Schaaksvitter in Stombeck von den Russen eingeholt worden ist. Robert Gomm hat sich, nachdem seine Frau in seiner Gegenwart geschändet worden ist, in Stombeck erhängt. Es soll schrecklich gewesen sein. Am 11.4.1945 ging ein Schiffstransport von Pillau nach Kopenhagen, wo wir am 15.4.1945 ankamen, zunächst waren wir in der Technischen Schule untergebracht. Ab dem 25.1.1946 sind wir im Lager Klövermarken mit ca 18.000 Insassen. Über den Verbleib aller unserer Lieben wissen wir bis jetzt nichts. Pfarrer Glaubitt soll sich in Nickelsdorf aufhalten und von den Russen zum Krüppel geschlagen.” worden sein. Man könnte nur heulen."